Ich bin ein Gast

Ich bin ein Gast

Featured imageBesuch zu haben schafft Distanz. Manche Leute schaffen sie durch Gästetoiletten oder -pantoffeln. Sie sagen “Du darfst hier gern sein, aber ich lass Dich nicht alles von mir benutzen, als hier – nimm doch das Gästehandtuch.” Diese Distanz muss gar nicht immer schlecht sein. Sie können auch sagen “ich freue mich, Dich hier und zu haben ich bin auf Dich vorbereitet, aber ich brauche auch meinen Raum; ich möchte nicht alles von mir geben”.

Die Gedanken die ich mir darüber machen kommen daher dass ich nebenher aufgeschnappt habe wie jemand in einer Fernsehserie darüber gesprochen hat. Ihr neuer Freund hat sich zu sehr in ihr Leben eingemischt und sie sagte sowas wie “Ich hab Dich hier als Gast in meinem Leben und meinem Haus, aber noch treffe ich die Entscheidungen für mich” – dem Sinn nach war es so etwas. Oder es war das was ich verstanden habe, aber auf Anhieb wie eine große Glühbirne fand die wieder einmal Licht in einen bisher nicht so beleuchteten Teil meiner Gedanken gebracht hat. Der Serien-Freund war natürlich entsetzt, wie sie ihn als Gast bezeichnen könne, schließlich liebe er sie. Da frage ich mich – schließt sich das denn aus?

Vielleicht brauche ich diese Distanz. Jemanden in meinem Leben zu haben ist wundervoll, aber ich will nicht eins werden. Ich möchte ich bleiben, ein Gast verhält sich auch respektvoller als jemand der sich mich schon längst angeeignet hat. Du bist Gast, erwarte nichts von mir, sondern bitte mich darum. Nimm es nicht als selbstverständlich, Du darfst Dich immer noch dafür bedanken auch wenn Du schon seit einigen Jahren mein Gast bist.

Damit würde ich mich, denke ich, wohler fühlen. Aber unser Konzept geht davon aus dass man zusamen wohnt, alles teilt, gemeinsames Konto, gemeinsame Hobbies, gemeinsame Zahnbürste? – und irgendwann der Streit wem was mehr gehört und wer mehr Anspruch hat. Klar schafft es einen Abstand wenn jeder sein Abendessen bezahlt. Aber so behält auch jeder seine eigene Autonomität.

Ich möchte mich nicht abhängig machen, jemandem etwas schulden. Entweder er gibt es mir ohne etwas dafür zu fordern oder ich möchte es nicht.

Nicht dass das jetzt falsch erscheint – ich mag Besuch und Gäste. Und ich gebe ihnen auch gern viel von mir. Und am meisten gefällt es mir, wenn ich sehe dass sie das würdigen können. Manchmal habe ich den Eindruck dass ich ein besserer Gastgeber als Gast selbst sein kann. Ich kann mich sorgen darum dass sich mein Gegenüber wohl fühlt und das was mir möglich ist dafür tun dass sein Aufenthalt schön wird. Aber wenn ich Gast bin, bin ich unsicher. Möchte nicht zu viel erwarten, möchte mich nicht falsch verhalten – die Regeln meines Gastgebers kennen und befolgen. Das macht mich unsicher und ich gewöhne mich nicht sehr schnell daran. Und das ist ok. Denn es gibt andere, die besser Gast sein können und somit suchen sich die Pärchen einfach zusammen.